Sie schaut mich an. Kurz wird es weiß. Musik setzt ein und ein Chor beginnt in gezogenen hohen Tönen zu singen: A ga maeba, kuwashime yoinikeri. Die Silhouette eines Flugzeugs durchquert im Gegenlicht den Himmel des späten Nachmittags, während seine verzerrte Spiegelung auf einer Glasfassade das Bild in entgegengesetzter Richtung verlässt. Den darunterliegenden Kanal durchfahren alte Fähren, die beim Manövrieren zu Kentern drohen. Im trüben Wasser schwimmt Abfall- sicherlich steht ein fauliger Geruch in der Luft.
Bunte Schilder mit chinesischen und japanischen Schriftzeichen (ich kann sie nicht entziffern) ragen in die schmalen Schluchten zwischen den Gebäuden. Klischeebilder, die solchen entsprechen die ich einmal von Hongkong hatte. Inzwischen wurden sie überlagert von Bildern grüner, roter oder violetter Strahlen von Laserpointern, die sich in dicht vernebelten Straßenzügen verfangen. Sie suchen einen Weg in die Objektive der Kameras deren Aufnahmen dazu dienen, mittels Erkennungssoftware Menschen zu identifizieren.  

Ihr Gesicht taucht hinter einer Fensterfront auf. Im dunkelroten Kleid sitzt sie in einer Bar, trinkt einen Cocktail und schaut hinab. Die Spiegelungen gegenüberliegender Hochhäuser schieben sich dazwischen. Ich werde wieder auf den Gesang aufmerksam: yobai ni, kami amakudarite, während sie in gelber Lederjacke auf einer Fähre steht und hinauf blickt.

Auf der Glasoberfläche eines Schaufenstern bildet sich die Stadt ab: Gebäude, Menschen, Leuchtreklame, dahinter Mannequins in eleganter Kleidung. Es entstehen verworrene Überlagerungen von Raumebenen, wie in einer Fotografie von Lee Friedlander, in der sich die Bruchstücke von Bildgegenständen collagenhaft aneinanderfügen.

Sie blickt, jetzt bekleidet mit offener rosafarbener Bluse und einem schwarzen Top, an mir vorbei. Es beginnt zu regnen. Ringförmige Wellen der Tropfen, die auf der Oberfläche des Kanalwassers auftreffen, lassen das Abbild des Himmels verschwimmen. Das ohnehin dumpfe Licht gibt dem Abend nach. Eine Ansammlung aufgespannter, gelber Regenschirme wird in hektisch bewegter, aber geordneter Reihe vorbeigetragen. Eine Wand, vollflächig tapeziert mit zwei Serien gleicher Plakate wird langsam nass- Sie sind Massenprodukte der Werbung wie der vor Kurzem veröffentlichte Datensatz von generatedfaces.com, eine Bildersammlung aus 100.000 Stockimage-Portraits, errechnet von einem jener mysteriösen lernfähigen Computersysteme, von deren generierten lyrischen Texten, Ölgemälden oder Handschriften gerade so häufig berichtet wird.

Jetzt ist die Nacht vollends hereingebrochen. Das grelle Leuchten von Neonreklamen sticht die Dunkelheit aus. Einige Schaufensterpuppen, dieses mal unbekleidet, stehen mit ausdruckslosen Gesichtern in einem gleißend ausgeleuchteten Raum eines Geschäfts. Ohne Kleidung wirken ihre entblößten dunklen Körper bedeutungslos. Erneut denke ich an den Datensatz: Die Gesichter der Portraits sind frei gestaltete Collagen aus dem Bildgedächtnis eines Programms, statistikbasierte Rekombinationen von Auswendiggelerntem. Sie sind fotorealistische Abbilder ohne eindeutige Referenz und zeigen Bildmenschen ohne Identität. Leere Physiognomien, gestaltet um irgendeiner Bedeutung zugeführt werden zu können.

Yo wa ake, nuedori naku. Es wird schwarz.

samesame   mit Simon Baumgart 2019