Echtzeiten

Tag 1

Nach 75 Minuten Fahrt parke ich das Auto in der Einfahrt vor einer rostbraunen Schranke. Zwei Räder stehen auf dem gelbstaubigen Asphalt, zwei im knietiefen Gras, das gerade gewachsen steht und im Sonnenlicht, das jetzt durch die schwergrauen Wolken bricht, in tiefem Grün leuchtet. Beim Rückwärtsfahren gibt die Einparkhilfe einen langgezogenen Ton von sich – fast berührt das Rücklicht des Autos einen Strommasten aus Holz, den ich im Seitenspiegel übersehen habe.

Auf dem Weg hinter der Schranke wartet A. Hinter A beginnt die Grube des Sand- und Kieswerks. Im Hintergrund sind klein einige Baumaschinen, Förderbänder und zylindrische Tanks zu sehen, die ich schon am Vortag auf den Satellitenbildern von Google Earth entdeckt habe.
A trägt eine Jacke mit cyberpunkigem Camomuster, blaue Jeans und betagte Sneaker. Ich tauche unter der Schranke durch. Währenddessen zieht A aus dem Gras zwei Rucksäcke, die A offenbar vorher dort versteckt hatte. Wir begrüßen einander kurz zum ersten Mal IRL und reden danach gleich über A’s Hobby: Das Abstürzen gehöre dazu, sagt A. Das passiere eigentlich jedes Mal. Dann müsse eben repariert werden. Ein Jahr mache A das schon und habe viele Teile der Drohne austauschen müssen. „Die ist schon lange nicht mehr dieselbe.“

Über uns ziehen langsam zwei Milane ihre V-förmigen Schwanzfedern durch die Luft. Eine Goldammer wiwiwiwiieht und es kuckuckt ab und zu. A sagt, A gebe acht auf Greifvögel. Lieber nicht stören. Außerdem könne es vorkommen, dass sie eine Drohne in der Luft packen und wegschleppen. Wohin so ein Vogel das Gerät dann wohl tragen könnte und ob dabei nicht schöne Bilder aus Versehen entstünden, frage ich nicht laut.

Während ich die letzten Sätze schreibe, denke ich an eine ausgestopfte Taube im dritten OG vom Technischen Museum in Berlin. Das Präparat ist Sockel für eine Erfindung, die Julius Neubronner 1908 als Patent anmeldete. Um die Brust des verstaubten Körpers ist eine dunkle Kiste mit zwei Linsen geschnallt. Das Gerät ist eine Kamera für Luftaufnahmen. Eine besonders schöne Fotografie aus Neubronners Archiv zeigt ein Schloss inmitten eines hügeligen Waldgebiets. Zum Zeitpunkt der Belichtung gerieten die Flügel ins Blickfeld der Kamera, schoben sich zwischen Erde und Linse und die Fotograf_in nahm sich selbst auf.

Nach einigen Minuten Spaziergang am Grund der Grube erreichen wir die Siebanlage des Werks. Größer wirkt sie verglichen mit dem Eindruck aus der Ferne. Sie steht stumpf im orangegelben Lack, der an vielen Stellen durch Rost von der Oberfläche gedrückt wurde.
In regelmäßigen Abständen startet irgendwo eine Pumpe, während A seine Rucksäcke auf einem herumstehenden Tisch leert: Plastikboxen und Taschen mit Kleinteilen. Ein Controller mit Tragegurt, auf dem zweimal „Radiomaster“ steht. Ein Ladegerät. Viele Akkus – A sagt: „Lipos“. Drohne 5’’ und Drohne 3’’ mit den dazugehörigen Brillen für den Flug in First Person View (FPV). Werkzeug. Plus Kleinkram.
Die intensiven Neonfarben einiger Kunststoffteile leuchten scharf in die entsättigte Szenerie.

Nach wenigen Minuten Sortieren und Zusammenstecken und fünf bestätigenden Pieptönen der Drohne, hängt sich A den Controller um den Hals und setzt die größere der beiden Brillen auf. Der kantige Plastikkörper unterbricht unseren Augenkontakt.
A steht leicht breitbeinig auf dem Betongrund, legt beide Hände an die Brille und dreht sie leicht, wie jemand, der ein Fernglas scharf stellt. Aber A’s Brille ist geschlossen. In ihrem Inneren befinden sich zwei Bildschirme, die das Bildsignal der Drohnenkamera anzeigen – jedes Auge wird bespielt.
Dann nimmt A den Controller. Mir entgeht das Wie, aber die Motoren starten sirrend. Dann jaulen sie auf und die Drohne hebt ab. Feine Bewegungen von A’s Fingern kontrollieren die Joysticks der Fernsteuerung. A wirkt entspannt, während die Drohne in scharfen Pitch-, Yaw- und Rollmanövern Bahnen um die Stahlkonstruktionen herum fliegt. Immer wieder verändert sich der scharfe Ton der Rotoren.
Es beginnt zu tröpfeln. A landet.

In der Flugpause erklärt A die verbreiteten Bauformen von FPV-Drohnen: Je nach Anordnung der Arme, an denen die Rotoren angebracht sind, gibt es z.B. H-, X- oder XH-Frames. Sie beeinflussen vor allem die Flugeigenschaften der Drohne. Die nachvollziehbare Nomenklatur nach visuellen Ähnlichkeiten zu Buchstaben des lateinischen Alphabets, wie sie auch für Profile von Stahlträgern verwendet wird, gilt für die Deadcat-Drohne nicht. Nachdem sie überfahren wurde, habe ein Youtuber seine tote Katze in eine Drohne umgebaut, um ihr nach eigener Aussage noch eine sinnvolle Funktion zu geben, erzählt A amüsiert.

Der Regen nimmt ab und A startet wieder. Wie sieht es aus, wenn die Propeller einen Tropfen zerschneiden? Ich schaue dieses Mal nicht auf die Drohnen, sondern beobachte A. Wieder geht A in den symmetrischen, breitbeinigen Stand. A’s Kopf ist in den Nacken gelegt, als würde A in den Himmel schauen.
Ich denke A könne mich nicht sehen. Aber A’s Blick und A’s Bewusstsein sind lediglich auf die Kamera der Drohne umgelenkt und A sieht mich immer dann, wenn die Drohne in meine Richtung fliegt. Ein unsichtbarer Spinnfaden spannt sich zwischen A und dem unruhig sirrenden X im Himmel.
Auf das eigene Körpergefühl beim Fliegen mit FPV-Brille angesprochen erzählt A von einem Versuch, sich selbst mit der Drohne zu filmen: A vorweg laufend und die filmende Drohne im Rücken hinterherfliegend. A sei immer in Schlangenlinien gelaufen und habe den eigenen Gang aus der externen Perspektive nicht richtig kontrollieren können. A: „Es ist merkwürdig, sich in Realtime von außen zu sehen“.
A’s Test lässt mich auf der Rückfahrt an einen Absatz zur Perspektive im Wikipedia-Artikel „Ikonen“ denken. Abends lese ich darin nochmal nach:
„Die Farben, die relative Größe der Figuren, ihre Positionen und die Perspektive […] hatten symbolische Bedeutung. Die Perspektive […] wird oft gewollt „falsch“ konstruiert, sodass der Fluchtpunkt vor dem Bild liegt (umgekehrte Perspektive) […].“ *

Beim letzten Flug stürzt die Drohne ab. Ich höre nur ein abruptes Ansteigen der Frequenz der rotierenden Elektromotoren, dann verstummen sie abrupt und kurz darauf klackert Kunststoff auf etwas Hartem, Unebenem. A und ich rennen in die Richtung des Aufprallgeräuschs. Zunächst sehen wir nichts. Dann springt A eine Betonkante hinunter in ein Kiesbett, an dessen Grund eine schmale Wasserrinne liegt. A steht mit gespreizten Beinen über dem Wasser. Aus meiner Perspektive spiegeln sich in dessen glatter Oberfläche der wolkenverhangene Himmel, ein paar Stahlträger, Bäume und das V von A’s Beinen, bis A ins Wasser greift, die Drohne heraushebt und dabei die Oberfläche zerwühlt, sodass das zusammenhängende Bild in viele einzelne Reflexionen zerbricht.

Am späten Abend schreibt mir A:
„Die Drohne liegt zum Trocknen in Reis.
Kamera muss ich austauschen.
Totalschaden:,D“

* Wikipedia (zuletzt aufgerufen irgendwann im Frühjahr 2026)

Tag 2

Darüber, dass ein Treffen zum Drohnenfliegen an Himmelfahrt sich wie das Performen eines flachen Wortwitzes anfühlt, haben wir uns bis zur Ankunft mehr als nur einmal amüsiert. Jetzt steigt M vom Beifahrer_innensitz und zieht den klobigen, kastenförmigen Rucksack von der durchgängigen Sitzbank des Vans. Außen am Rucksack werden drei baugleiche Drohnen von diversen Klettverschlüssen gehalten und hängen regungslos am Stoff, festgenadelt wie Insekten in einem Naturkundemuseum.
M wirkt gemalt. Unter zur Stirn licht werdenden, langen, blonden Haaren glitzert die Sonne auf feinen Schweißtropfen. Ein Schneidezahn ist bei einer unglücklichen Episode verloren gegangen, was M’s häufiges und breites Lächeln sehr eigen macht.
M’s schwarze Skateschuhe sammeln erste Spuren vom gelben Schlamm, als M vom Gras auf die Einfahrt hinter der Schranke tritt. Der klamme Geruch von Sandkastenspiel steht in der Luft und lässt vermuten, dass der Regen noch nicht lange aufgehört hat. Ein sanftes Sfumato gibt der Landschaft Tiefe.
Ich nehme zwei Tragetaschen aus dem Kofferraum und hole M ein. Wegen des Gewichts habe ich etwas Angst, dass die Nähte versagen könnten.

Während ich M einhole, wird das helle Klackern der Flaschen im Takt meines Schritts von einer Nachtigall begleitet. Die Sonne scheint scharf durch die Lücken des dichten Blattwerks, in dem sie bestimmt sitzt. Einige der Löcher zwischen den Blättern sind so klein, dass nicht einfach ein Schatten auf den Boden geworfen wird. Die engen Öffnungen funktionieren wie Lochkameras. Jede Kamera produziert eine absichtslose Abbildung der Sonne von einem leicht verschobenen Standpunkt. Die warm strahlenden Kreise liegen auf dem grauen Asphalt. Jede Windböe wirft das Sternenbild durcheinander.

Wir nähern uns der Straße abwärts folgend dem Grund der Grube. Die grünen Schilder vor den hohen Sandhaufen, die in der Sohle des künstlichen Tals liegen, sind mir beim ersten Besuch nicht aufgefallen. In weißer Schrift erklären sie knapp, wie groß die einzelnen Sandkörner sind, aus denen die Kegel aufgestreut wurden. Ich lisple leise „Sand-sieb-linie“. Im Vorbeigehen am sezierten Chaos erzählt mir M von der Zeit als Azubi. M habe Siliciumchips in C++ für die automatisierte Zielerfassung von Militärgerät programmiert: „Das war eine Oldschool-Variante von Computervision… Bestimmt kennst du solche Bilder von Überwachungskameras mit Gesichtserkennung? Schwarz-weiß und mit den grünen Rahmen um die Gesichter von den Menschen, die durchlaufen?… So etwa. Nur eben direkt für Hardware geschrieben.“ Dem Zusatz „Schauende Maschinen,…“ kann ich nur schwer folgen.

M rollt das R. Drei Krähen krächzen und A’s Drohne surrt.

Drum’n’Bass raut im Rhythmus eines schnellen Amenbreaks die Luft an. A landet, setzt die FPV-Brille ab und bemerkt uns. Wir gehen hin. Dieses Mal liegt A’s Equipment auf einem Tisch direkt unter einem der Zylinder der Siebanlage. M und A umarmen einander. A und ich umarmen einander. Während M den Inhalt des Rucksacks auf einer blau-rot karierten Decke direkt neben dem Tisch ausbreitet, bringen A und ich Getränke zum Kiesgraben, in den beim letzten Treffen A’s Drohne gestürzt ist. Die Nähte haben gehalten und die Flaschen liegen unversehrt auf dem steinigen Grund im klaren Wasser. Ihre Hälse schauen heraus. Die Umlenkung des Lichts beim Übergang vom Wasser zur Luft bricht ihnen den Flaschenhals (sog. optische Hebung), als würden zwei Räume mit unterschiedlicher Geometrie aneinander grenzen und sich zwei widersprüchliche Perspektiven kreuzen.

A muss noch die Kamera tauschen, die beim letzten Absturz zu Bruch gegangen ist. Das Ersatzteil passt nicht in den Rahmen der Drohne. M und A versuchen es zusammen. Sie halten, pressen, ziehen und hebeln. Ihre Hände umschließen das Kreuz aus Carbon und bilden ein schwer entzifferbares Durcheinander, das manchmal den Eindruck erweckt, als wäre es der Output einer bildgenerierenden KI, die nicht wirklich verstanden hat, wie Hände funktionieren.

Während ich an A’s Laptop die Steuerung einer Drohne in einem Flugsimulator ausprobiere, tauschen sich A und M über PC-Games aus. A mochte Strategiespiele, aber zockt eigentlich nicht mehr. M spielt viel, findet Simulatoren aller Art gut und liebt Egoshooter. Gerade spielt M „Stalker 2“ und liest parallel dazu die Buchvorlage der Strugatzkis.
Ich folge M’s Ausführungen über das gewaltvolle Beseitigen mutierter Lebensformen in der radioaktiven Zone um Tschernobyl, während ich etwas unsicher die beiden Sticks des Controllers zwischen Daumen und Zeigefinger halte und versuche ein Gefühl für die Steuerung der virtuellen Drohne zu bekommen. Ich steuere vorbei an kubischen Hindernissen. Eine Ruine auf einer Insel ist das zentrale Element in der sonst sehr leeren Landschaft. Beim Versuch, ihr näher zu kommen, verliere ich die räumliche Orientierung, zucke hektisch am Controller, schaffe es aber nicht, das Bild auf dem Laptop unter Kontrolle zu bekommen. Nach dem Aufprall am virtuellen Boden zeigt der Bildschirm nur noch grob gerenderte, dunkelgrüne Flächen im Gegenlicht, die mechanisch hin und her fächern. Das abstrakte Gras zeigt, wie der Wind in der virtuellen Welt weht. Farbige, halbtransparente Kreise überlagern das Bild. Sie imitieren Blendenflecken wie sie bei Kamerabildern entstehen, wenn sich Gegenlicht im Glas der Objektivlinsen verfängt. Ich spüre den Drang zu blinzeln.

Ich gehe zu den Getränken im Kiesgraben. Beim Herausholen, nehmen die Flaschen wieder ihre gewohnte Form an. Ein Windzug kräuselt die Wasserfläche, verwirbelt den Grund und mischt ihn mit dem Darüber. Auch an den hohen Gräsern, die am Übergang von Sand zum Kies stehen, zerrt er. Anders als das unendlich flache Gras im Flugsimulator haben die Pflanzen eine wahrnehmbare Stärke. Ich zupfe eines der Grasblätter ab und lege es zwischen meine Daumen. In der Lücke zwischen den zweiten und dritten Gelenkknöcheln ist das Blatt straff eingespannt wie die Saite einer Gitarre. Die beiden Enden hängen leicht herunter. Ich spitze meinen Mund, setze ihn auf den Spalt und puste scharf hinein. Die Luft strömt rauschend durch. Ich probiere ein wenig mit der Stärke des Pustens und der Position meines Munds herum, bis ich den sweet Spot gefunden habe. Der Halm beginnt fühlbar im Luftstrom zu vibrieren und erzeugt dabei einen hohen Ton, der zunächst brüchig, dann immer klarer und deutlicher anhält. Nach etwas Übung schaffe ich es durch Umformen der Hände auch ein klein wenig kontrollierte Varianz in das Spiel zu bringen.
Wieder auf der Decke sitzend pfeife ich noch ein wenig mit meinem neuen Blasinstrument, während M seine Drohne startklar macht. Ich frage A, ob das hochfrequente Surren der Rotorblätter der Drohne vielleicht ähnliche Ursachen haben könne wie das Pfeifen des Grases. A zuckt lakonisch die Schultern: „Ja… vielleicht… aber weiß nicht“. Ohne hinzuschauen, schlägt A nach einer Mücke, die sich von hinten nähern will.

M steuert seine Drohne im Sitzen. Das grüne Gummiband der FPV-Brille strafft M’s Haare auf der Kopfhaut. Weiter unten hängen sie frei und bewegen sich leicht.
A kniet sich neben M auf der Decke und schaut auf das Display eines Smartphones, das über USB-C-Kabel mit der Brille von M verbunden ist und spiegelt, was M sieht. Ich blicke über A’s Schulter. Ich sehe wie die Landschaft vom Weitwinkel der Kameralinse verzerrt vorbeizieht. Die beiden vorderen Rotoren der Drohne ragen seitlich ins Bild, wie die Flügel der Taube von Neubronner.
Die Videoübertragung zum Smartphone ist zeitversetzt. Wenige Augenblicke nur, aber immer wenn M ein knappes Manöver kommentiert, wird dieses erst mit einigen Millisekunden Latenz sichtbar – beinahe so als würde M sich in einer anderen Zeit bewegen- ein bisschen in der Zukunft aus unserer Sicht.
M springt auf. Wenige Sekundenbruchteile friert das Bild auf dem Smartphone ein. Auf dem letzten Bild, das die Drohne vor der Kollision geschickt hat ist eine Wand zu sehen. Der Scherenschnitt ihres Schattens verdunkelt den Beton.

zwischen Tag 2 und Tag 3

Ich schaue so gerne die beiden .jpgs der unterschiedlichen Muster von Messungen des eigentlich so simplen Versuchsaufbaus an, von dem ich wahrscheinlich zum ersten Mal im Physikunterricht in der Schulzeit gehört habe – vll wegen der beunruhigenden Befremdlichkeit, die sie der Wirklichkeit geben, ganz sicher aber auch einfach, weil sie so schön sind. Auf der einen Abbildung des Doppelspaltexperiments bilden zwei Punktwolken zwei vertikale Linien. Auf der anderen sind es mehrere vertikale Linien, die ein Interferenzmuster bilden, das zum Rand hin blasser wird.
Ich bin müde und die grell leuchtenden Bilder verschwimmen in den leicht brennenden Augen. Ich klappe den Bildschirm zu.

Tag 3

Ich steige aus der Tram – 14 Minuten hinter der Zeit. Direkt an der Haltestelle treffe ich M vor dem alten Messepark. Nach kurzem Handschlag und ein wenig Diesdas-Geplauder gehen wir durch ein sehr breites Stahltor hindurch und schlendern anschließend an einigen Hallen und Flachbauten vorbei. Viele der Gebäude sind offenbar seit Langem ungenutzt. Die Jalousien hinter den Fenstern der durchnummerierten Gebäude sind rot und zugezogen. Wolken ziehen vorüber. Sobald die Sonne durchbricht, heizt sich mein dunkles Shirt auf und zeigt bald in tieferer Färbung die schweißtypischen Stellen an.
Nach ca. fünf Minuten haben wir das Gelände durchquert und erreichen den eigentlichen Park. Auch den durchqueren wir auf einem schmalen asphaltierten Weg, gehen vorbei an Spaziergänger_innen, sitzend Plauderenden auf Bänken, spielenden Hunden, Büschen, Bäumen, Grasflächen und anderem parktypischen.

Unser Schweigen beim Gehen ist wie ein Containerhafen nach einem heftigen Schneesturm.

M entscheidet sich für einen Startplatz. Der Musentempel steht auf einer kleinen Insel, die über eine kurze Holzbrücke mit dem Ufer verbunden ist. Auf einem Treppenabsatz stehen einige dorische Säulen (vielleicht 12), auf denen die Kuppel aufgesetzt ist. Bis auf das himmelblaue Innengewölbe der Kuppel ist der Tempel kreidig jurafarben. M kniet sich neben eine Bank unter der Trauerweide, die direkt neben dem Tempel steht und breitet das Drohnenequipment aus. Es geht schnell. Mit routinierten Handgriffen wird die Drohne startklar gemacht, die währenddessen wie immer zufrieden piepst und blinkt. Dann setzt M sich auf die Bank, verschwindet hinter der FPV-Brille, greift nach der Fernbedienung, die schon um den Hals hängt, und lässt die Drohne starten. Die Rotoren surren laut und innerhalb weniger Sekunden ist ihr beißendes Grün kaum mehr im Gegenlicht des Himmels zu erkennen. M beruhigt den Flug und zieht einige Manöver. Ich versuche, der Drohne mit den Augen zu folgen, aber sie verschwindet immer wieder hinter den Bäumen. M sitzt schräg und atmet durch seinen leicht geöffneten Mund. Abgesehen von den kleinen Bewegungen der Finger ist der Körper regungslos.

Mir wird langweilig. Am Rand des Teichs stehen hohe Gräser mit kräftigen Blättern und ich überlege, mir wie beim letzten Mal mit Blattpfeifen ein wenig die Zeit zu vertreiben, verliere aber gleich meine Aufmerksamkeit an einige Wasserläufer, die in Ufernähe auf dem Teich stehen. Im Gegenlicht ist deutlich die Delle im Wasser zu sehen, wo die Enden ihrer fein behaarten Tarsen die Oberfläche berühren. Sie prägen es wie die Punktraster der Buchstaben in Brailleschrift ein Blatt Papier. Auf den sandigen Grund des flachen Wassers fallen Schatten der Wanzen – das scharfe Abbild ihrer Körper ist umringt von dunklen Ovalen mit hell leuchtendem Umriss. Die linsenförmigen Berührungspunkte brechen das Licht und verzerren das Bild am Grund.

Irgendwo über mir surrt M’s Drohne. Die Wasserläufer rudern schlitternd in verschiedene Richtungen davon, als ich versuche, mich weiter zu nähern. Unmittelbar breiten sich Wellen kreisförmig von den Stellen aus, an denen sich die Insekten vom Wasser wegdrücken und vermischen rhythmisch das Bild vom Himmel mit dem gelbsandigen Grund des Teichs. Nach kurzer Zeit treffen die Ringe aufeinander und es bilden sich die typischen Interferenzmuster der Wellenüberlagerungen.
Am Abend lese ich nach, warum einige der Wasserläufer Flügel haben und andere nicht. Die Flügelgröße ist wohl unter anderem abhängig von der Menge Licht, das die Insekten im Larvenalter abbekommen. Nur manche können fliegen.

Stimmen kommen näher. Ein paar Kinder setzen sich in den Tempel und schauen M neugierig an. Sie kichern und unterhalten sich. Dann posieren sie für eine Kamera am Smartphone. Sie experimentieren mit dem integrierten Blitz.
M landet und packt zusammen. Wir schlendern weiter. „Schön hier. Aber die Houdinis stören beim Fliegen“, sagt M. Ich frage nicht nach, aber M erläutert selbst: „FPVler nennen Leute, die unerwartet im Fluggebiet auftauchen Houdinis – einfach weil sie wie aus dem Nichts erscheinen. So wie bei einem Zaubertrick.“

Wir umrunden allmählich den Teich. Vorbei an bronzenen Reliefplatten, die von der Entwicklung vom Nationalsozialismus zum Arbeiter- und Bauernstaat erzählen. Vorbei an einer kaputten Amphore, die kein Gefäß, sondern vollständig mit Beton ausgefüllt ist. An den beschädigten Stellen der Vorderseite, wo noch Reste einer Inschrift erkennbar sind, ragt die Stahlarmierung des Gusses heraus. Vorbei an einer einfachen Sandsteinskulptur von einem Schaf mit Lamm. Vorbei an einer Baumgruppe, in der kleine Kästen mit unterschiedlichen Öffnungen angebracht wurden, die als Unterschlüpfe für Fledermäuse und verschiedene Vogelarten dienen sollen. Keiner wirkt bewohnt.
Nach der halben Runde kommen wir an einem größeren Gebäude an, dessen Architektur stilistisch ganz gut zum Tempelbau passt, der nun von der halbkreisförmigen Terrasse des Hauses auf der gegenüberliegenden Seite des Teichs zu sehen ist. Wir setzen uns auf eine Treppe. Auf der Balustrade der Terrasse stehen lebensgroße Figuren aus Beton. Ich glaube, es sind Allegorien, vll für schöne Dinge wie Musik oder die bildenden Künste, vll Naturverbundenheit. Viele Details fehlen.

Aus der Mitte des Teichs wird eine künstliche Fontäne emporgehoben. Zum Rauschen des prasselnden Wassers mischt sich wieder hohes Surren. M startet. Ein paar Leute schauen von einer nahen Wiese herüber und beobachten mit skeptischem Blick, wie die Drohne nach einigen Runden abdreht und im tiefen Flug über das Gewässer direkt auf die Fontäne zusteuert. Beim Durchdringen des Wasserstrahls wird die Drohne heftig aus ihrer Flugbahn geschleudert. Das Wasser klatscht hart gegen die Teile, spritzt davon und wird von den Rotoren turbulent verwirbelt. Der Regenbogen, der bis dahin von den zarten Wasserperlen des Sprühwassers zu uns herüber gelenkt wurde, verschwindet kurz, hat sich aber längst wieder stabilisiert, als die Drohne unter der Teichoberfläche verschwindet.
M sieht das alles nicht.

Tag 4 / Tag 5

Ich bremse langsam aus der 70er-Zone herunter, nehme einen Abzweig und parke den Van auf einer breiten Asphaltfläche, deren fehlende Markierungen unklar lassen, ob es sich um einen Parkplatz oder eine sehr breite Sackgasse handelt. Auf dem Asphalt wurden vor kurzem mit einem Motorrad mehrere Nullen und ein Unendlichkeitszeichen geschrieben. Hinter einem schwarzen Kombi, an dem gerade ein hinterer Reifen gewechselt wird, heben sich sechs oder sieben Zylinder einer Biogasanlage schwach vom Himmel ab. Nur die straff gespannten Folien ihrer Kuppeln glänzen hart. Gäriger Dampf kommt mit dem leichten Luftzug über den Zaun zu mir herüber. Ich schultere die Taschen mit Fotoequipment und folge einem breiten Weg, der vorbei an den Kuppeln und einer riesigen Solaranlage (wieder) zu einer Schranke führt. Ich ducke mich unter ihr durch und folge der Straße. Links beginnt dichter Bewuchs, während gegenüber unverändert die Solarpanele vorbei ziehen.

Ich komme bei A, M und C am Bando an- laut M heißen so die leerstehenden Ruinen an denen geflogen werden kann. Es ist ein alter Hangar. Umarmung mit A und M. C sehe ich zum ersten Mal und wir stellen einander erstmal vor. C spricht Start-up-Sprech.

[…]

A fliegt im Hangar. Er ist dunkel und riesig. Hier soll die Reichsflugscheibe getestet worden sein. Heute wachsen Bäume aus dem Boden. Der Staub wirbelt auf, jedes Mal wenn die Drohne sich dem Boden nähert. Nach kurzer Zeit ist das Raumvolumen mit Partikeln versetzt, an denen das einfallende Licht gestreut wird. Sein Weg von den Fenstern zeichnet sich in der schmutzigen Luft ab.
A versucht durch eine schmale Öffnung ins Freie zu fliegen, in der ein großes Spinnennetz hängt. Beim vierten oder fünften Anlauf klappt es. Die feinen Fäden werden bis zum Reißen gedehnt und von der Drohne mitgenommen. Lose Enden fächeln im Wind der Rotoren. A landet. In den Rotoren haben sich die Fäden des Netzes zu einem dichten Knäuel aufgewickelt. Als A die Drohne aufhebt, hängt zwischen den aufgewickelten Fasern eine kleine Baldachinspinne. Hinter ihr glänzt noch ein einzelner Flugfaden im Gegenlicht.

[…]

Einige Spinnen lassen sich über solche Fäden vom Wind durch die Luft tragen.

[…]

Später erzählt A noch, dass viele Kampfdrohnen ihre Bilddaten inzwischen nicht mehr per Funk übertragen. Während des Flugs wickelt sich stattdessen ein Glasfaserkabel von einer Spule ab. Kilometerlange Fäden zwischen Pilot und Maschine.
Die Information reist als Licht durch die dünnen Fasern und wird an ihren Grenzschichten immer wieder zurückgeworfen. Über viele Kilometer bleibt die Verbindung bestehen.
Wird eine Drohne zerstört, bleiben die Glasfasern liegen. Keine Bilder reisen mehr durch sie hindurch. Vielleicht glitzert morgens noch Licht in den gekappten Enden.
Nach massivem Einsatz sind ganze Landstriche mit den dünnen Fasern bedeckt.
Ein gewaltiger Altweibersommer.

[…]

Lachend fliegt ein Specht durch das Gehölz, aufgeschreckt von einer Gruppe Houdinis in weißen Poloshirts, kurzer Hose und geschulterten Golfschlägern. Sie gehen in den Hangar und beginnen mit ihren weißen Kugeln Parabelflüge in die Luft zu zaubern.

[…]

Ich bremse langsam aus der 70er-Zone herunter, nehme einen Abzweig und parke den Van auf einer breiten Asphaltfläche, deren fehlende Markierungen unklar lassen, ob es sich um einen Parkplatz oder eine sehr breite Sackgasse handelt. Es sind schon 2 Wochen vergangen, seitdem ich das letzte Mal hier war. Solaranlage und Biogasanlage glänzen unverändert im Sommerlicht. Waren die Hügel aufgetürmter Biomasse auch schon da? Frischer Reifenabrieb auf dem Asphalt streicht mehrere Nullen vorm Unendlich.

Ganz klischeehaft fühlt es sich jetzt an, als wäre ich von der Zeit überholt worden, weil der Text zum letzten Flugtag nicht fertig ist und jetzt wie ein teilzerlegter Motor vor mir liegt.

Diesmal passiere ich die Schranke seitlich, indem ich mich zwischen einer Betonblockade aus großen Abwasserrohren durchzwänge. Das Logo meiner Umhängetasche schabt entlang der rauen Betonoberfläche- der Print des stilisierten Fossils eines Urvogels wird beinahe vollständig abgetragen und schimmert nur noch matt auf dem wasserabweisenden Textil.
Ich folge der Straße entlang der Solaranlage, vorbei am alten Flughafentower, den die umliegenden Bäume weit überragen und gelange zum alten Hangar, an dem ich mit A verabredet bin. Schon bevor ich ankomme, höre ich die vertrauten Klänge von A’s Playlist.

A winkt lächelnd. M ist auch da und heyt grinsend in der typischen Schneidersitzpose durch die wehenden Haare hindurch. Neben einem ausgeklappten Campingstuhl kniet eine Person über einer Drohne, die ich nicht kenne. Sie steht auf und wir schütteln einander die Hand. G lächelt herzlich vor den leuchtend grünen Blättern der Bäume vor der Sonne. Das Lächeln verzieht die Muttermale in G’s Gesicht.
G spricht mit einer starken sächsischen Färbung und einem Beiklang, den ich nicht zuordnen kann. Am Arm trägt G eine Uhr, mit blauem Band und schlichtem, weißen Zifferblatt, die mit zarten Zeigern auf die ebenso feine Stundenanzeige in silberner Markierung deutet. Meine Neugierde ist so offensichtlich, dass G von sich aus erläutert: „Das ist eine Lichtuhr. Sie läuft mit Solarkraft. Einmal gestartet, läuft sie so lange, wie ihre Mechanik es erlaubt- es sei denn natürlich sie liegt einige Monate im Dunklen.“ Die Uhr rechnet die Zeit aber nicht selbst aus, sondern empfängt sie von einer Atomuhr. Auf Nachfrage sagt G die Ur-Uhr, die das Signal für unsere Zeitzone berechnet stehe in Braunschweig im nationalen Metrologieinstitut.

Lichtuhr klingt sehr schön, ist aber genau genommen etwas anderes: ein Gedankenexperiment zur Relativität von Zeit. Zwischen zwei Spiegeln wird Licht hin und her geworfen. Bewegt sich das System, muss das Licht zusätzlich zur Strecke zwischen den Spiegeln auch die Bewegung ausgleichen. Da es sich nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit bewegen kann, vergeht Zeit im bewegten System langsamer.
In den meisten bildlichen Beschreibungen dazu, reisen die Spiegel in Raumschiffen und sind viele hunderttausende Kilometer voneiander entfernt. Die enormen Ausmaße lassen schon vermuten, dass der Effekt beim Drohnenflug verschwindend gering sein muss. Trotzdem vergehen die Sekunden im agilen Flugobjekt langsamer als für G, der gemütlich mit Brille, Controller und verlässlicher Verbindung zur Atomuhr am Handgelenk im Campingstuhl sitzt. Auf seiner weiten Jogginghose steht in großen weißen Lettern „JUST DO NOTHING“.

Die Drohne landet zurück in der Zukunft auf einem blauen Pad, das fünf Meter vor G auf den rohen Betonplatten liegt. Eigentlich müsste sich die kleine Zeitreise berechnen lassen. Doch die verschiedenen Programme, mit denen ich es zunächst probiere, runden den winzigen Unterschied auf 0 Sekunden.**

Während A und M abwechselnd längere Runden drehen, fliegt G nur sehr kurz um einige Wippbewegungen zu machen und landet wieder auf dem offensichtlich neuen, strahlend blauen Staubpad, dessen umkreistes H an einen Landeplatz für Vertikalstarter erinnert. H wie Hubschrauber, oder H wie ein schlichtes Schattenbild von Landekufen.
G’s Drohne hat ihren ersten Flugtag und muss eingestellt werden, um die Vibrationen des Rahmens herauszufiltern, die entstehen, wenn die Motoren am Rahmen zerren. G fliegt, G misst und wertet die Diagramme der Messung aus, passt Einstellungen an, um wieder zu fliegen. Immer wird exakt eine Einstellung beobachtet – würden zwei Änderungen vorgenommen werden, wäre nicht klar, was die Änderung der Messwerte herbeigeführt hätte. G arbeitet genau. G war Uhrmacher_in.

**  Ein Rechner, der scheinbar akkurater arbeitet, gibt mir später eine relative Zeitverschiebung von 0,0000000000012877173 Sekunden aus.

Tag 6

Das Navi gibt noch zwei Minuten verbleibende Fahrtzeit an, als ich im Kreisverkehr nicht die erste Ausfahrt zum Flugplatz nehme, sondern die Runde vollmache, um wieder auf 12 Uhr in die Straße einzubiegen, auf der ich hineingefahren bin. Ich parke den Van am Straßenrand und schalte das regelmäßige Klicken der Warnblinker ein. Ich will nur kurz nachsehen, was der farbige Fleck war, den ich im Vorbeifahren gesehen habe.
Hinter dem Koppelzaun stehen zwei Pferde im schlammigen Boden. Beide tragen schwarze Netzmasken. Ihre Augen sind kaum zu erkennen.
Ich pflücke Gras und reiche es durch den Zaun. Eines der Pferde kommt sofort. Das andere bleibt stehen und beobachtet mich. Ich greife zwischen den unteren Drähten hindurch, ziehe aber schnell die Hand zurück. Ich habe mir eingebildet, den Strom gespürt zu haben.

[…]

Als ich den gewohnten Weg zurückgelegt habe – 70er-Zone, rechts ab, parken neben der Biogasanlage, unter der Schranke durch – erreiche ich den ersten Hangar. Heute sind viele da. A, M, G. Vier weitere Piloten kenne ich noch nicht. Aber die fliegen schon seit 10 Jahren, dementsprechend routiniert und schnell.

[…]

Jetzt ist das alles sehr lange her. Ich erinnere mich aber noch an ein paar Einzelheiten.
Dunkle Shirts. Weite Pullis. Jogginghosen. Crewlogos. Drei Streifen auf Schuhen.
 Wie immer liegt überall Technik herum.

Jemand erzählt von abgeschnittenen Fingern.

Eine Gruppe jugendliche Mopedfahrende kommt vorbei. Das muss aber an einem anderen Treffen gewesen sein, glaube ich.

Schmutzpartikel auf meiner Brille im Gegenlicht. Hautschuppen vielleicht. Sonne gestreut durch Fingerspuren auf Glas. Ihr UV-Filter färbt den Himmel grünlich.

Auf dem Rückweg läuft G vor mir durch den Sonnenuntergang. Mit jedem Zug leuchtet die LED am Vaporizer kurz blau auf. Rauch löst sich von G, bleibt für einige Sekunden sichtbar und mischt sich dann in der Abendluft. M schweigt.

M erzählt vom verlorenen Zahn.

[…]

Wir sehen uns jetzt nicht mehr. Manchmal bekomme ich noch Clips oder Bilder reingespült. Domspitze. like. Gebrochene Rotoren. like. Neuer Smiley auf dem Frame. like.

[…]

C schreibt mir noch etwas vom fliegen vor einem spiegel
: das gehirn erwartet den eigenen körper und findet eine maschine
beim zweiten mal geht’s
ok ich bin jetzt eine maschine
easy.

[…]

mosaikformen

[…]

A fliegt nicht mehr
A klettert auf kräne A schreibt auf wände

[…]

manchmal leuchtet ein online

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