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Ausstellungsansichten  

 

erratischer block

„Es war brütend heiß und hatte lange nicht geregnet, so dass der Wind den Staub vom Boden zu dichten Wolken aufwirbelte. Um die Szenerie kurz hinter Schadewohl in einen hitzig flirrenden Western zu verwandeln, fehlte nur noch, dass ein kugelförmiger Salzkrautbusch durch den Hintergrund der Szene rollt, um einen neuen Platz zum Wurzelschlagen zu finden. Aber ich war ja auch auf der Suche nach ganz anderen erratischen Wanderern.

Begleitet vom repetiven Gesang einer Goldammer und dem wilden Zwitschern einiger Feldlerchen lief ich los. ‚Birds aren‘t real‘ dachte ich kurz, bevor ich mich auf die Suche nach den Großsteingräbern machte. Unglücklicherweise hatte ich das Buch vergessen, in dem eine detailierte Lagebschreibung gewesen wäre. Also versuchte ich mich an den Bauminseln zu orientieren, die inmitten der Felder und Wiesen jenseits des Wegs lagen und in deren Schatten ich die Gräber vermutete. Die waren allerdings zahlreich. Dementsprechend sammelte ich anstelle von Fotos erstmal nur Staub an Hosenbeinen, Haut und Haaren.

Nach einiger Zeit hatte ich die steinzeitlichen Architekturen aber doch alle ausfindig gemacht. Dass Anlagen wie die in Schadewohl aus Steinen mit tonnenschwerem Gewicht von Menschenhand gebaut werden konnten, war lange Zeit unvorstellbar, weswegen viele Geschichten um die Entstehung der Ruinen entstanden. Es sind Sagen und Mythen, die von Riesen, Hexen oder Taten des Teufels erzählen. Im Buch, das wohl auf meinem Schreibtisch lag, wird noch erwähnt, dass diese mittelalterlich anmutenden Geschichten vermutlich zu großen Teilen erst im 18. und 19. Jahrhundert erdichtet wurden.
Jedenfalls verloren die Geschichten im Zuge der Aufklärung und dem Siegeszug der naturwissenschaftlichen Forschung allmählich an Bedeutung. Sie wurden durch anderen Erklärungen ersetzt. So erzählt das Modell der glazialen Serie ganz ohne mythische Wesen, wie die Steine von einem wandernden Eispanzer in diese Region getragen worden sind. In der brütenden Hitze des Tages war es schwer vorstellbar, dass der Boden unter meinen Füßen über Jahrhunderte unter Schnee und Eis begraben lag.

Die Vorstellung vom Eispanzer als Vehikel erinnerte mich an ein Bild, das mir eine Freundin einige Tage vorher geschickt hatte: Es zeigte ein vergilbtes Magazin. Seitenfüllend war eine Schwarz-Weiß-Fotografie abgedruckt. An einem leicht ansteigenden, sandigen Hang stand ein altes LKW-Model. Im Hintergrund ragten zerklüftete Felswände vor fast wolkenfreiem Himmel empor, der die gesamte Szene in weiches Licht tauchte. Der Lastwagen wurde gerade mit großen, bleichen Steinblöcken beladen. Ein grob zum Kubus gehauener Stein mit vielleicht 2,50 m Kantenlänge lag bereits auf der Ladefläche. Ein weiterer ähnlich großer Block wurde über eine Schräge von hinten dazugeladen. Irgendwie schien das keine gute Idee zu sein, denn das Gewicht der Steine hebelte den LKW aus. Seine derb profilierten Vorderreifen hingen entspannt an den großen Blattfedern meterhoch in der Luft. Aber alles war Routine: sich lässig aus dem Fenster lehnend schaute der Fahrer aus seiner schwebenden Kabine dem Ladevorgang zu.
Ich zoomte in das Foto, aber anstatt weitere Details zu zeigen, zerfiel das Foto in farbiges Isorauschen und klumpige Jpeg-Artefakte. Nur die Bildunterschrift ließ sich gerade noch entziffern: ‚Abb. 133 Carrara: Der Berg auf dem Auto‘.

Inzwischen reisen Gesteinsblöcke in den Rümpfen großer Containerschiffe um den gesamten Globus, haben exotische Namen wie Azul Bahil, Star Galaxy oder Cashmere White und sollen an Häuserfassaden, auf Friedhöfen oder in Badezimmern und Küchen ihren Platz finden. In einem der modernen Großhäfen angekommen werden die Steine von häufig autonom fahrenden Vehikeln verfrachtet. Sortiert wird hier nach der Ordnung eines Algorithmus: sehr effektiv, aber für einen Menschen kaum mehr nachvollziehbar. An Orten wie diesen zeichnet sich ein ‚neues dunkles Zeitalter‘ ab. Es ist geprägt von einer rasant fortschreitenden technologischen Entwicklung, deren zunehmende Komplexität auch die Gefahr geringerer Transparenz der Vorgänge in sich trägt. Damit unterlaufen sie einer Vorstellung von Technologie als verlässliches Mittel zur logischen Durchdringung der Welt und bilden auch Raum für neue mythologische Narrative, die sich in extremen Fällen vom wissenschaftlichen Konsens abwenden.

Als die Sonne schon lange Schatten warf und meine Kamera restlos gefüllt war, machte ich mich auf den Rückweg. Wieder angekommen leerte ich die SD-Karte auf meinem Rechner und schüttete meine Schuhe aus, die zum Vehikel für eine bunte Mischung aus verschiedenen Samen und Kiesel geworden waren.“

Die Umsetzung des Projekts wurde gefördert durch die Kunststiftung Sachsen-Anhalt und die Kloster Bergesche Stiftung.

 

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